Die unheiligen Reliquien des Großen Krieges

Von Verdun nach Ückendorf – Andreas Kurth verwandelt Granatsplitter in Kunst

 

isso Stadtmagazin Gelsenkirchen Ausgabe Juli/August 2017

Text: Astrid Becker Fotos: Ralf Nattermann

 

Sprachen zu sprechen, kann – bei entsprechender Bereitschaft – zur immer noch nicht unerheblichen Völkerverständigung beitragen. So ist die in Deutschland simpel „Ostsee“ genannte Meeresfläche in vielen europäischen Sprachen ausschließlich als „Baltische See“ bekannt. Dies ist so manchem nicht geläufig, genau so wenig wie, dass auch die welterschütternden Kriege ihre eigenen Namen nach der ihr zugemessenen Bedeutung tragen. Den Zweiten Weltkrieg benennt und fokussiert der GUS-Raum als „Großen Vaterländischen Krieg“ mit dem Zeitrahmen seiner Beteiligung, 1941-45. Frankreich hingegen erlebte seinen „Großen Krieg“ schon 1914 bis 1918.

 

Dessen Mahn- und Denkmale sind ungezählt und immer an zentraler Stelle positioniert. Beim Durchqueren kleinerer und größerer Ortschaften längs der französischdeutschen Grenze wird einem dieser Krieg unübersehbar vor Augen geführt. Tausende weiße Kreuze Gefallener leuchten plötzlich im Lichtkegel des Autoscheinwerfers auf, es vergehen nur wenige Kilometer bis zur nächsten deutlichen Ermahnung, die im Andenken an diese Epoche des Schreckens unübersehbar platziert ist.

 

In Deutschland dämmern diese Erinnerungsorte hingegen auf kleinen Grünflächen, Kirch- und Friedhöfen oder als Inschriften an Kirchenmauern vor sich hin. Der Erste Weltkrieg war hier ein räumlich entfernter Schauplatz, der zwar innerfamiliär mit vom Krieg Gezeichneten, Vermissten und Gefallenen sowie schlechter wirtschaftlicher Lage zu verkraften war, aber nicht vor Ort stattfand. Die Granaten fielen in den Nachbarländern. Der Tod lauerte auf dem französischen Feld, im belgischen Dorf, im niederländischen Wald, fiel vom Himmel in den Schützengraben und erstickte Angst und Atem im Gas.

 

Aus dieser Zeit stammt auch das, was der Ückendorfer mit Leipziger Wurzeln, Andreas Kurth, in seinem Reisegepäck mit nach Hause bringt: Unzählige Granatsplitter in den verschiedensten Größenordnungen und Ausformungen. Aufgefunden beim Spaziergang über die Schlachtfelder von Verdun. Ganz ohne Metalldetektor auffindbar liegen sie dort, vom Kalkboden und dem Zahn der Zeit nur unwesentlich angegriffene stahlschwere Relikte mit messerscharfer Vergangenheit. Nicht selten verursachen diese millionenfach in und auf der Erde verbliebenen Geschossreste und Blindgänger auch heute noch Verletzungen – ein Generationen übergreifender Schrecken, der durch die Arbeit des 73-jährigen Andreas Kurth erahnbar wird.

 

Die Kirche St. Thomas Morus in Ückendorf zeigt seinen Jesus am Kreuz, gebildet aus verschweißten Granatsplittern, die vor einem Jahrhundert den Tod brachten. Ein Christus, der noch einmal gestorben zu sein scheint, nimmt er in Gestalt und Mimik den unauslöschlichen Ausdruck des unerwarteten Todesschreckens ein. Das Wissen um die Herkunft und die Geschichte des verwendeten Materials erzeugen im Zusammenspiel mit der künstlerischen Gestaltung eine eindringliche Wirkung, der man sich nur schwer entziehen kann. Das unmittelbar daneben gezeigte Triptychon „Verdun 1916 – ein deutsch-französisches Requiem“ zeigt, was übrig blieb vom französischen und deutschen Soldaten: ein Knopf, eine Gürtelschnalle, eine Trinkflasche. Hier, auf gerahmtem sackleinenen Stillleben, schreit das Elend nun überflüssiger Utensilien den Betrachter geradezu an. Zersprengte körperliche und materielle Existenzen.

 

Keine leichte Kost und keine Kunst für eine weinselige Vernissage mit Wangenküsschen. Vielleicht deshalb hat es dieses Ensemble, zu dem auch die im Garten des Künstlers aufgestellten Tänzerinnen und Tänzer gehören, die als kleinere Figurengruppen aus eben diesem Stahlgewitter filigran dem Tod davon tanzen, so schwer, im Rahmen einer Ausstellung gezeigt zu werden. Kunst, die, im aktuellen Bezug erfolgreicher Waffendeals betrachtet, umso sprachloser macht, ist vielleicht zu nah an einer gut gerüsteten Wirklichkeit. Namhafte und kleinere Akteure aus Stadtgesellschaft und staatlichen Institutionen hielten sich anlässlich der Erinnerungsfeierlichkeiten 2014 mit ihrem Interesse an einer Präsentation sehr zurück, so dass Andreas Kurth umso dankbarer ist, dass die Kunstwerke in der Kirche am Holtkamp 40 wohl nun einen dauerhaften Ausstellungsort gefunden haben. Der Bezug zu Ückendorf als neuer Heimat für den 1977 im Kofferraum eines Autos aus der DDR geflüchteten langjährigen Oboisten der Neuen Philharmonie Westfalen sowie ihrer Vorgängerin, liegt dem vielseitig begabten Künstler, der mit Farbe, Holz und Metall gleichermaßen umzugehen versteht, sehr am Herzen.

 

Besichtigungsanfragen für Kreuz und Triptychon in der vom Architekten Gottfried Böhm gestalteten Kirche St. Thomas Morus bitte an Küster Dieter Staszyk: [email protected] oder 0157 868 713 43

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Schmerzensmann im Wortsinne – Andreas Kurths Christusfigur aus Weltkriegsrelikten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Christus und Verdun-Triptychon sollen dauerhaft in St. Thomas Morus gezeigt werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Mit Gott für König und Vaterland“ lautet der Wahlspruch auf dem preußischen Adler – ebenfalls ein Fund aus Verdun.

 

 

 

Gelsenkirchener verwandelt Kriegsmunition in Kunstwerke

 

WAZ Lokalausgabe Gelsenkirchen vom 18.07.2014

 

Über 30 Jahre lang spielte Andreas Kurth aus Ückendorf Oboe im hiesigen Orchester. Inzwischen ist der 70-Jährige pensioniert, aber von Ruhestand kann keine Rede sein: Kurth schmiedet Kunst aus Munition des ersten Weltkrieges.Foto: Joachim Kleine-Büning

Gelsenkirchen. Über 30 Jahre lang spielte Andreas Kurth Oboe in diversen Orchestern inGelsenkirchen. Nebenbei widmete sich der Ückendorfer der bildenden Kunst: Mit Granatsplittern und Stacheldraht aus Verdun schuf er ungewöhnliche Skulpturen und Bilder.

Wie können die Schreckensvisionen des Ersten Weltkrieges zu Kunst verwandelt werden? Der Gelsenkirchener Künstler Andreas Kurth macht es eindrucksvoll vor. Er schmiedet seine Skulpturen aus Patronenhülsen und Granatsplittern, die er im französischen Verdun gefunden und gesammelt hat.

„Die Idee kam mir während eines Urlaubs in Frankreich, als ich in Verdun spazieren ging. Dort fielen mir im Gelände diese vielen verrosteten Metallteile ins Auge. Nach und nach habe ich dann angefangen, sie einzusammeln und sie mit einem Wohnmobil nach Gelsenkirchen zu transportieren“, sagt Kurth, der 30 Jahre lang bei der Neuen Philharmonie Westfalen (die vorher städtisches Orchester Gelsenkirchen hieß) Oboe spielte.

Die grausamen Bilder des Krieges, von denen der Bruder seiner Großmutter manchmal erzählt hatte, gingen Kurth nicht mehr aus dem Kopf. „Die Leute hatten den Eindruck, sie werden dort an der Front regelrecht verheizt“, sagt der Bildhauer, während er seine Werkstatt zeigt: Fein säuberlich nach Größe geordnet lassen sich hier die Granatensplitter, aber auch Schüppen oder Essgeschirr aus Metall finden.

 

Mischung aus Schmutz und Rost

Die meisten Sammelstücke haben die Zeichen der Zeit erstaunlich gut überstanden, auch wenn sie von einer Mischung aus Schmutz und Rost überzogen sind. „Die Teile haben ja schon 100 Jahre dort unter der Erde gelegen“, gibt Kurth zu bedenken.

In mühevoller Kleinarbeit säubert der gebürtige Leipziger, der mit einer Französin verheiratet ist und abwechselnd in Paris und in Ückendorf wohnt, die Metallsplitter: Er lässt sie in Zitronensäure köcheln, bis sie wieder glänzen. Manche belässt er aber auch so, wie sie sind.

Eine Arbeit, die niemals aufhört, denn Andreas Kurth reist regelmäßig mit dem Wohnwagen in die Region, findet immer neue Sachen. „Ich sammele nur die Teile, die an der Oberfläche liegen“, betont er dann. So gerät er nicht in Gefahr, „scharfe“ Munition auszugraben.

Die Schlacht um die französische Stadt Verdun , die im Frühjahr 1916 begann, ist als eine der bedeutendsten Schlachten des Ersten Weltkrieges an der Westfront zwischen Deutschland und Frankreich in die Geschichtsbücher eingegangen. Sie wurde zudem zum Inbegriff der großen Materialschlachten, die diesen Krieg prägten.

Kurths Splittersammlung spiegelt das wider. „Ich habe mich immer gefragt, wie man dieses Material, das für so viel Leid steht, in etwas Positives umwandeln kann, wie man es in etwas Friedliches verwandeln kann“, sagt der Künstler. So kam er auf die Idee, aus der Kriegsmunition Kunst zu machen, arbeitete sie in Bilder ein – oder schweißte sie zu tanzenden Figuren zusammen.


Die Metamorphose der Granatsplitter

Wer bei den Kunstwerken und Skulpturen von Andreas Kurth genau hinschaut, entdeckt die Einzelteile, die einst an der Kriegsfront das Leben der Soldaten prägten. Neben Granatsplittern sind auch rostige Teller aus Metall, bauchige Trinkflaschen, Gasmasken, Stacheldraht und Spaten darunter.

Andreas Kurth hat sich in dem malerischen Garten des Ückendorfer Hauses, das er mit seiner Familie bewohnt, neben einer offenen Werkstatt auch ein kleines Atelier gebaut. Hier hängen sehr kunstvoll komponierte Bilder an der Wand, oft ist der Hintergrund rostbraun, wie der Schlamm, in dem die Munition einst landete.

Einzelne Versatzstücke aus Kurths Sammlung treten dann aus dem Bild hervor. Verbunden werden sie optisch durch Stacheldraht oder andere verbogene Objekte, so „malt“ Andreas Kurth mit Schrott.

Auch seine Skulpturen, darunter ein Jesus am Kreuz, wirken teils wie gemalt. Geschmeidig scheinen sich die Figuren aufeinander zuzubewegen. Dabei wirken sie friedvoll, nicht kämpferisch. Das ist dem Künstler sehr wichtig – gerne würde er sie eines Tages auch in der Kapelle von Verdun ausstellen. Denn Verdun hat die Schreckensbilder inzwischen hinter sich gelassen und steht nun für die geglückte deutsch-französische Aussöhnung. Genau wie die Skulpturen von Andreas Kurth.

Wer nun neugierig geworden ist, kann sich eine Fotostrecke mit Bildern von den Kunstobjekten anschauen auf www.derwesten.de/gelsenkirchen.

Anne Bolsman

Skulpturen-Schau im Handwerkerhof Rudolstadt

 

17.10.2013 - 10:00 Uhr

Am Freitag sind im Handwerkhof Rudolstadt Skulpturen von Erich Becker und Andreas Kurth zu sehen. Die Ausstellung, die bis 24. November gezeigt wird, ist die letzte des Rudolstädter Vereins zur Förderung von Kunst und Kultur in der Galerie im Handwerkerhof, die im nächsten Jahr umgebaut wird.

 

Zur Ausstellung hat Becker einen Freund eingeladen: An­dreas Kurth, gleichfalls Musiker und in verschiedenen Orchestern Deutschlands als Solo-Oboist tätig. Seit seiner Pensionierung widmet sich Kurth verstärkt der darstellenden Kunst und beschäftigt sich mit Grafik, Malerei, Collagen und Stahlplastik. Dabei verarbeitet er Fundstücke wie Granatenreste, Gewehrteile und durchrostete Unformteile aus der Erde, auf der 1916 die Schlacht bei Verdun tobte. Kurth formt daraus Tänzer, die über die Leichen­felder als triumphierende ­Geschöpfe des Lebens tanzen.